Stellen wir uns kurz folgende Situation vor: Bundestagswahl 2013. Die deutschen Bürger sind aufgerufen, ein neues Parlament zu wählen - und die EU einerseits und Alexis Tsipras vom Linksbündnis Syriza andererseits wenden sich an uns, die deutschen Wähler, mit einer Wahlempfehlung.
"Wählt die CDU, damit wir stabile Verhältnisse in Europa haben", würden Barroso und Co. uns über die Bildschirme und in den Zeitungen zurufen. "Wählt auf keinen Fall Frau Merkel, sie ist europafeindlich und verantwortungslos", würden Tsipras und seine Parteifreunde warnen.
Abstruse Einmischung in unsere Innenpolitik, würden wir wohl denken - und wählen, wen wir wählen wollen.
Warum sollten es die Griechen anders machen? Warum sollten sie sich einschüchtern lassen von Merkels Forderungen, warum sich beeinflussen lassen von den Einmischungsversuchen aus Brüssel?
Ausgerechnet diejenigen in Europa, die sich als die Überlegenen sehen, die "guten" Staaten der Euro-Zone, verraten die ureuropäischsten Überzeugungen: Freiheit, Solidarität und vor allem: Demokratie. Genauer gesagt: Sie werfen diese Werte den unruhigen, hungrigen Märkten zum Fraße vor.
Wen kann es ernstlich wundern, dass Griechenland, wie viele andere Staaten der Euro-Zone, nicht mit der größten Volkswirtschaft, mit dem jahrelangen Exportweltmeister mithalten kann? Misswirtschaft, Korruption und Bürokratie haben ihr übriges getan: das Land ist nicht konkurrenzfähig, so viel steht fest.
Trotzdem, das zumindest ist mein Verständnis von Freiheit, bleibt Griechenland ein souveräner Staat mit souveränen Bürgern.
Wir haben sie in die Schuldenfalle rennen lassen, ja. Die EU hat zugeschnappt, natürlich: hat ihre Hoheitsbereiche ausgeweitet, die Haushaltsführung diktiert, Griechenland unter das Joch des Sparens gezwängt. Wir, die Deutschen, haben unseren Nutzen daraus geschlagen, haben uns aufgespielt als die fließigen Ackerer, die großzügigen Gönner - und haben Geld verliehen. Die Zinsen waren bereits und sind auch weiterhin ein warmer Geldregen in Wolfgang Schäubles Schoß. Auf diese Art der Umverteilung ist immer Verlass. Die Bundesregierung konnte den Griechen unsinnige Panzerlieferungen aufzwingen, Steuerexperten und Privatisierungen zu Gunsten ausländischer Investoren. Die Gewinner nehmen sich, was sie brauchen. Immer mehr. Das ist Kapitalismus.
Wenigstens ihre Demokratie aber könnten wir den Hellenen doch lassen!
Doch das tut niemand, ob in Brüssel oder Berlin: Es wird gewarnt, gefordert, gelockt - und von Seiten der Journalisten vor allem spekuliert: Ob die Griechen ihr Kreuz an der richtigen Stelle gemacht haben? (so gesagt im Weltspiegel heute) Was wäre denn die Alternative: Dass sie sich verwält haben?
So etwas passiert wohl. Die Griechen haben sich ja letztens schon ein Mal "verwählt". Jetzt bekommen sie noch eine Chance: Diesmal soll aber bitte alles rund laufen, kein falsches Kreuzchen mehr. "Falsch" - das könnte bedeuten, der Wähler hat sich geirrt, oder die Wahlen waren manipuliert. Eine freiwillig und absichtlich abgegebene Stimme aber kann doch per se nicht "falsch" sein!
Impliziert "wählen" nicht "die Wahl haben", sprich: frei, geheim und mit Verpflichtungen nur seinem eigenen Gewissen gegenüber die eigene Stimme für den eigenen Favoriten abgeben? Ist das nicht die Demokratie, auf der unsere vorbildlich-zivilisierte westliche Welt aufgebaut sein soll?
Dann bitte, liebe Griechen: lasst euch eure Würde nicht nehmen. Und eure Stimme schon gar nicht!