Dienstag, 28. Oktober 2014

Von Salafisten, Hooligans und Journalisten


Eines gleich vorab: Journalisten können Rechtsradikale nicht ausstehen. Das liegt nicht zuletzt daran, dass rechte Äußerungen oder Straftaten in Redaktionen immer für Verwirrung und für Diskussionen sorgen: Sollen wir jetzt berichten, um die Menschen aufzuklären und davor zu warnen? Oder machen wir uns zum Handlanger der Rechten, wenn wir ihnen eine Plattform bieten und ihre Botschaften weiterverbreiten?
Im Fall der Demonstration von "Hooligans gegen Salafisten" am Sonntag in Köln hat die Medienwelt sich eindeutig entschieden: Es wird berichtet, analysiert und prognostiziert, was das Zeug hält. Die möglichen Fehler von Politikern, Verfassungsschützern und Polizisten werden, richtigerweise, diskutiert, Konsequenzen werden gefordert und Experten befragt. Diesen Experten stellen die Journalisten, richtigerweise, immer wieder auch die wichtige Frage: Wie konnte es kommen, dass diese als Fußballfans getarnten Schlägertrupps plötzlich einen solchen Zulauf bekommen? Viel wichtiger wäre an dieser Stelle aber doch die Frage: Was haben die Medien damit zu tun? Welchen Beitrag haben sie mit ihrer Berichterstattung über Salafisten in den vergangenen Wochen dazu geleistet, dass die „Hooligans gegen Salafisten“ sich einigen Bürger als Retter in der Not präsentieren konnten?
Populistische Forderungen nach Einschränkungen von Grundfreiheiten für deutsche Staatsbürger sind weitgehend unreflektiert weiterverbreitet, Risiko-Warnungen zu Bedrohungsszenarien aufgebauscht worden. Von einer selbsternannten "Scharia-Polizei" haben sich vom Boulevardblatt bis zur Tagesschau alle aus der Fassung bringen und zur Verbreitungsplattform einiger Radikaler machen lassen. Den Hooligans haben sie damit in die Hände gespielt.
Rechtsradikalen Schlägertruppen brauchen islamistische Hassprediger - und beide brauchen Medienpräsens. Manche Journalisten haben diensen Zusammenhang schon begriffen. Die eigene Rolle in diesem Dreieck kritisch zu reflektieren, steht in den stets um "Objektivität" bemühten Redaktionen jedoch nicht auf der Agenda. Das ist unprofessionell. Journalisten hegen berechtigte Antipatien gegen Rechtsextreme, Salafisten und alle anderen Kräfte, die das demokratische System bedrohen, in das Medien eingebettet sind. Sie müssen aber darauf bedacht sein, in ihrer Berichterstattung gegen die eine Art von Verfassungsfeindlichkeit nicht die andere Art zu unterstützen.

Donnerstag, 10. April 2014

Was ich nicht verstehen will

"Was ich nicht verstanden habe" - so begann eine Zeit lang immer die Gesellschaftskritik von Carolin Emcke: Ein angenehm distanzierter Einstieg, mit dem ich es auch einmal versuchen will.

Was ich nicht verstehe, ist, warum die Ukrainerinnen, die wir zu unserem Journalisten-Kongress in Köln eingeladen haben, nicht einfach so einreisen dürfen. Für fünf Tage wollen sie nach Deutschland kommen. Aber dafür brauchen sie ein Visum. Und dafür brauchen sie "einen guten Deutschen", der für sie bürgt. Was das ist, ein guter Deutscher? Der deutschen Botschaft zufolge jemand, der monatlich mehr als 1600 Euro verdient oder 1600 Euro auf dem Konto hat, die von der Botschaft "eingefroren" werden können. Das Geld gibt es zurück, natürlich: Sobald unsere Ukrainerinnen sich nach dem Kongress in der Botschaft in Kiew zurückgemeldet haben: Entwarnung, wir sind tatsachlich zurückgekommen, wir haben uns nicht nach Deutschland eingeschlichen!

Denn das muss es doch sein, was dahintersteckt: Die Angst, dass die jungen Ukrainerinnen sich zu sehr mit den europäischen Werten anfreunden: Demokratie, Reisefreiheit, Bürgerrechte. Dass ihnen plötzlich so viel an diesen Werten liegen könnte, dass sie alles aufgeben: Ihre Familie, Freunde, ihre Heimat. Dass sie sich, nur für diese Werte, illegal in ein fremdes Land einschleichen, dessen Sprache sie nicht sprechen, in dem sie kaum jemanden kennen und wo sie als Journalisten keine Arbeit finden werden. Und für die Sozialleistungen unseres Wohlfahrtsstaates natürlich! Denn Papierlose und Asylbewerber werden bei uns mit Geld und Wohltaten überschüttet, das weiß ja jeder.

Was ich aber nicht verstehe: Warum fördert die Bundesregierung im Rahmen der EU dann die Demokratiebewegung in der Ukraine? Warum spricht sie den Demonstranten auf dem Maidan Mut zu, nimmt sogar in Kauf, dass sich faschistische Kräfte in den Reihen der Opposition stark machen, unterstützt die neue Regierung in Kiew finanziell? Angeblich doch, damit sich "das Gute" durchsetzt: die Orientierung nach Westen, Richtung EU.

Offensichtlich will man aber selbst die Speerspitze der demokratischen Hoffnung in der Ukraine, die Nachwuchsjournalisten, nicht in Deutschland haben. Jedenfalls höchstens ganz kurz und nur, wenn uns da garantiert keine Kosten entstehen. Wenn das so ist - warum sagt man der ukrainischen Bevölkerung nicht gleich die Wahrheit: Wir wollen euch nicht. Reist doch nach Russland, da braucht ihr kein Visum. Das mit der Demokratie, wisst ihr, das funktioniert auch nicht immer einwandfrei. Und Bürgerrechte haben wir, klar - aber ihr seid leider keine Bürger.

Vielleicht stimmt es auch nicht, dass ich das nicht verstehe. Vielleicht will ich es einfach nicht verstehen. Weil ich mich nicht damit abfinden will.

Eigentlich wollten die Ukrainerinnen uns in Köln berichten, wie sie die Stimmung in ihrem Land wahrnehmen, wie in den Newsrooms und Redaktionen, in denen sie arbeiten, damit umgegangen wird. "The Future of Journalism in Europe" ist das Thema des Kongresses. Wenn Europa sich aber, sobald die Lage ist bisschen komplizierter wird, abschottet hinter seiner Schengen-Grenze - welche Zukunft hat dann der europäische Journalismus?

Sonntag, 29. Dezember 2013

Ess-gestört



Du bist, was du isst – für uns, eine Generation, die aufwächst mit Bionade, Vegi-Döner und Co., gilt dieser Satz mehr denn je. Und ich bin an vorderster Front mit dabei, wenn es darum geht, möglichst tier- und umweltfreundlich zu essen, anderen zu erklären, warum ich das mache und weshalb es sinnvoll ist. Ich liebe es, gut zu essen und über gutes Essen zu reden.

Leider ist das Über-Essen-Reden aber inzwischen mindestens so populär wie Bionade und Vegi-Döner – und nimmt groteske Züge an. Gerade in der Weihnachtszeit wird es unter Mädchen Anfang 20 zum beherrschenden Thema jeder längeren Konversation. Und zwar nicht im konstruktiven Sinne („Was esst ihr denn zu Weihnachten?“, „Was kochen wir heute Abend?“), sondern als Ausdruck einer latenten Essstörung.
Ja, wir sind alle gestört. Gestört, wenn wir uns wieder und wieder zum als „Mädchenabend“ deklarierten Beisammensein treffen, bei dem scheinbar zwangsläufig Folgendes auf dem Menüplan steht: Schokolade, Kekse, Chips und Glühwein. Bestenfalls noch selbstgebackenen Kuchen oder Kräuterbaguette zum Aufbacken von Aldi. Gestört, wenn sich dann über kurz oder lang alles nur noch um das eine Thema dreht: Wann essen wir was, wie viel davon, wann machen wir Sport, essen wir davor oder danach, welche Diäten haben wir schon ausprobiert und worauf können wir dann doch nicht verzichten. Und dabei bechern wir Glühwein und knabbern Kekse, von denen wir doch eigentlich wissen, dass schon einer davon unser Tagespensum an Weight-Watchers-Punkten sprengt, und fühlen uns immer schlechter und schlechter.
Wir treffen uns also nicht mehr, um über Probleme zu reden, sondern um uns welche zu machen. Vielleicht, weil wir sonst keine mehr haben, mit festen Freunden und einigermaßen festgefahrener beruflichen Perspektive. Aber muss das sein?

Vor einigen Jahren, bevor wir unser Abi machten, von zu Hause auszogen und das werden sollten, was man „erwachsen“ nennt, bevor die Modebranche in enger Zusammenarbeit mit Photoshop unser Selbstbild verzerrte, haben gab es sie auch schon, diese Mädchenabende. Damals haben wir vielleicht weniger Wein getrunken, dafür aber mehr Kekse und noch mehr Schokolade gegessen. Wir haben alle nicht viel mehr Sport gemacht als die 90 Minuten, zu denen wir jede Woche in der Schule verdonnert waren. Aber wir haben nicht darüber nachgedacht, haben nicht darüber geredet – und es war kein Problem. Davon hatten wir genug andere („Wie spreche ich ihn nur an?“, „Woher weiß ich denn, ob er auf mich steht?“), und über die haben wir ausführlich gesprochen. 

Heute sind wir darüber hinweg. Wir hätten Zeit, an unseren Mädelsabenden über das zu reden, was uns wirklich bewegt: Wer bin ich? Und wie will ich sein? In was für einer Gesellschaft leben wir? Was stört uns, und was könnten wir ändern? Aber dafür ist kein Platz. Denn wir verfransen uns immer wieder  in den immer gleichen Diskussionen, in denen wir verzweifelt unser schlechtes Gewissen zu beruhigen („Ich kann einfach viel besser joggen, wenn ich vorher einen Kakao getrunken habe“, „Ich kann einfach morgens nicht ohne mein Nutellabrot“ oder: „Abends mache ich mir dann aber immer nur noch einen Salat“), unsinnige Vergleiche anstellen („Mein Freund, der isst ja sooo viel“) oder Nichtanwesende kritisch analysieren („DIE macht gar keinen Sport und hat ne super Figur, wie macht DIE das nur?“). 

So füllen sich ganze Stunden, in denen wir über nichts Sinnvolles reden und nichts Wichtiges voneinander erfahren – abgesehen davon, dass die anderen genau so gestört sind wie wir, wenn es ums Essen geht. Denn wer sich bisher noch keine Gedanken über sich und seinen Körper im Vergleich zu allen anderen, inklusive der gephotoshopten Models auf den Plakaten, gemacht hat, fängt spätestens jetzt damit an. 

Wir katapultieren uns in eine Abwärtsspirale und ziehen uns dann alle gegenseitig immer weiter runter. Wir, junge, intelligente, attraktive Frauen, denen die Welt zu Füßen liegt, machen uns selbst und gegenseitig nach Kräften fertig. Aber ich mache da nicht mehr mit. Ich will meinen Atem, meine Zeit und meine Aufmerksamkeit nicht mehr damit verschwenden. Ich will mit meinen Mädels über uns reden, über das Leben. Über das, was wirklich wichtig ist. Gutes Essen ist mir wichtig. Sport ist mir auch wichtig. Aber ich will darüber nicht mehr reden. Schon gar nicht, während ich nach 18 Uhr Billigkekse esse. Denn auch das ist mir wichtig. Und ich will daran nicht kaputtgehen.

Sonntag, 17. Juni 2012

"Verzeihung, Sie haben sich verwählt!"

Stellen wir uns kurz folgende Situation vor: Bundestagswahl 2013. Die deutschen Bürger sind aufgerufen, ein neues Parlament zu wählen - und die EU einerseits und Alexis Tsipras vom Linksbündnis Syriza andererseits wenden sich an uns, die deutschen Wähler, mit einer Wahlempfehlung.
 "Wählt die CDU, damit wir stabile Verhältnisse in Europa haben", würden Barroso und Co. uns über die Bildschirme und in den Zeitungen zurufen. "Wählt auf keinen Fall Frau Merkel, sie ist europafeindlich und verantwortungslos", würden Tsipras und seine Parteifreunde warnen.
Abstruse Einmischung in unsere Innenpolitik, würden wir wohl denken - und wählen, wen wir wählen wollen.

Warum sollten es die Griechen anders machen? Warum sollten sie sich einschüchtern lassen von Merkels Forderungen, warum sich beeinflussen lassen von den Einmischungsversuchen aus Brüssel?
Ausgerechnet diejenigen in Europa, die sich als die Überlegenen sehen, die "guten" Staaten der Euro-Zone, verraten die ureuropäischsten Überzeugungen: Freiheit, Solidarität und vor allem: Demokratie. Genauer gesagt: Sie werfen diese Werte den unruhigen, hungrigen Märkten zum Fraße vor.

Wen kann es ernstlich wundern, dass Griechenland, wie viele andere Staaten der Euro-Zone, nicht mit der größten Volkswirtschaft, mit dem jahrelangen Exportweltmeister mithalten kann? Misswirtschaft, Korruption und Bürokratie haben ihr übriges getan: das Land ist nicht konkurrenzfähig, so viel steht fest.
Trotzdem, das zumindest ist mein Verständnis von Freiheit, bleibt Griechenland ein souveräner Staat mit souveränen Bürgern.
Wir haben sie in die Schuldenfalle rennen lassen, ja. Die EU hat zugeschnappt, natürlich: hat ihre Hoheitsbereiche ausgeweitet, die Haushaltsführung diktiert, Griechenland unter das Joch des Sparens gezwängt. Wir, die Deutschen, haben unseren Nutzen daraus geschlagen, haben uns aufgespielt als die fließigen Ackerer, die großzügigen Gönner - und haben Geld verliehen. Die Zinsen waren bereits und sind auch weiterhin ein warmer Geldregen in Wolfgang Schäubles Schoß. Auf diese Art der Umverteilung ist immer Verlass. Die Bundesregierung konnte den Griechen unsinnige Panzerlieferungen aufzwingen, Steuerexperten und Privatisierungen zu Gunsten ausländischer Investoren. Die Gewinner nehmen sich, was sie brauchen. Immer mehr. Das ist Kapitalismus.
Wenigstens ihre Demokratie aber könnten wir den Hellenen doch lassen!

Doch das tut niemand, ob in Brüssel oder Berlin: Es wird gewarnt, gefordert, gelockt - und von Seiten der Journalisten vor allem spekuliert: Ob die Griechen ihr Kreuz an der richtigen Stelle gemacht haben? (so gesagt im Weltspiegel heute) Was wäre denn die Alternative: Dass sie sich verwält haben?
So etwas passiert wohl. Die Griechen haben sich ja letztens schon ein Mal "verwählt". Jetzt bekommen sie noch eine Chance: Diesmal soll aber bitte alles rund laufen, kein falsches Kreuzchen mehr. "Falsch" - das könnte bedeuten, der Wähler hat sich geirrt, oder die Wahlen waren manipuliert. Eine freiwillig und absichtlich  abgegebene Stimme aber kann doch per se nicht "falsch" sein!
Impliziert "wählen" nicht "die Wahl haben", sprich: frei, geheim und mit Verpflichtungen nur seinem eigenen Gewissen gegenüber die eigene Stimme für den eigenen Favoriten abgeben? Ist das nicht die Demokratie, auf der unsere vorbildlich-zivilisierte westliche Welt aufgebaut sein soll?
Dann bitte, liebe Griechen: lasst euch eure Würde nicht nehmen. Und eure Stimme schon gar nicht!

Donnerstag, 3. November 2011

Angst vor dem Volk

Hat noch ein einziger Beweis gefehlt für die Demokratiefeindlichkeit der gesamten Institution Europäische Union, so haben ihn die Staats-, Regierungs- und Eurogruppenchefs, Rats- und Kommissionspräsidenten spätestens mit ihrer panischen Reaktion auf Papandreous Ankündigung eines Volksentscheids in Griechenland erbracht. Die Politikstrategen sind fassungslos, dass der von ihnen so genial ausgetüftelte Plan nun tatsächlich den störrisch-streikenden Pleitegriechen vorgelegt werden soll. Es war doch alles so schön in Hinterzimmern ausgekungelt worden. Wozu da noch ein Referendum?
Die logische Konsequenz aus diesem Entsetzen ist schon vollzogen: Geld bekommen die demokratieverrückten Hellenen erst mal nicht. So geht die EU mit ihrer Bevölkerung um: Wie ein gealterter Despot, der Angst vor der Kraft des eigenen Volks hat.
Leider übernehmen aber nicht nur die Euro-Politiker, denen es zusteht, diesen Standpunkt. Die Medien machen fröhlich mit. So war im "Echo des Tages" am Dienstagabend kaum zu unterscheiden zwischen der Moderation, dem Beitrag und dem Kommentar zum Thema: alle schlugen den gleichen vorwurfsvoll-entsetzten Ton an. Wie können diese verbohrten Griechen es wagen, unser großherziges Hilfspaket zu überdenken? Wo bleibt die Demut für diese großartige Rettung?
Nein, es sind nicht mehr nur die Boulevardmedien, die diese Meinung vertreten. Dabei sind es nicht und waren es nie die Griechen, die mit Steuergeldern gerettet werden sollten. Warum sind die Bankenkurse nach Abschluss der Verhandlungen über den Schludenschnitt kometenartig in die Höhe geschossen? Warum hyperventilieren "die Märkte", wenn sie das Wort Referendum nur hören? Weil ihr Plan, Griechenland auszusaugen, plötzlich in Gefahr ist. Die Beute hing schon im Netz, die Griechen haben sich in eine aussichtslose Lage manövriert. Jetzt steht der schöne Plan der Finanzspinnen kopf.
Eine bessere Alternative als der Schuldenschnitt, der Griechenland ein wenig Luft verschafft, genug, um zu Überleben, aber nicht genug, um das Land wieder aufzubauen, gibt es derzeit nicht. Nur: Was würde dieser Schuldenschnitt bedeuten? Die Wirtschaft liegt bereits am Boden, weil es an Investitionen fehlt und die Menschen kein Geld haben, das sie ausgeben können. Genau genommen haben sie gar kein Geld: Die Lehrer und Beamten nicht, die selbstständigen Handwerker nicht, die Rentner nicht und die arbeitslosen Schul- und Hochschulabgänger schon gar nicht. Während die Banken mit dem Schuldenschnitt immer noch Gewinne einfahren, kostet er die Griechen das letzte bisschen Lebensqualität. Und dank enormer Privatisierung und stetig neu wachsendem Schuldenberg besteht keine Aussicht auf Besserung. Jemals.
Angesichts dieser prekären Lage ist es doch das Mindeste, den Griechen eine Stimme zu verleihen. So, und nur so funktioniert Demokratie: Papandreou kann nur mit der Legitimation seines Volkes Verträge abschließen, gerade, wenn sie solch verheerende Auswirkungen für sein Volk haben. Diese Legitimation aber können ihm die Griechen bei der letzten Wahl gar nicht gegeben haben, weil eine Entscheidung, wie sie nun ansteht, schlicht nicht abzusehen war. In Griechenland kennt man sich noch aus mit Demokratie. In Brüssel, Paris und Berlin aber hört man offenbar lieber auf die Lobbyisten der Finanzbranche.

Freitag, 5. August 2011

Viel Lärm um nichts

Ein Aufschrei ging durch die Medien- und Facebooklandschaft, als das Urteil verkündet wurde: 3000 Euro Entschädigung für einen Kindesmörder! Die Empörung war riesig. "Eine Perversion des Rechtsstaats", kommentierte die Bild. Erica Steinbach meldete sich - paradoxerweise in ihrer Funktion als Menschenrechtsbeauftragte - beim anderen Springer-Blatt zu Wort und bezeichnete das Urteil als "Bedrohung für die demokratische Kultur". Ihr CDU-Kollege Siegfried Kauder dagegen schlug eine Gesetzesänderung vor, damit ein solches Schmerzensgeld in Zukunft den Opfern - also, den Opfern der Verbrecher,  nicht den Opfern der Folterandrohung - zugute komme. Reine Polemik? Vermutlich - aber eine, die sicherlich gut ankommt.
"Der hat kein Geld sondern was anderes verdient!", "Die Frage ist, ob er davor oder danach einen größeren Fchaden an der Waffel gehabt hat" und ähnliche Äußerungen waren auf Facebook zu lesen. Wie so oft sagen die Politiker und schreiben die Medien das, was die Leute - angeblich, vermutlich, vielleicht - hören wollen. 
Nur wer seinen Blutdruck kontrollieren konnte, hatte noch Zeit zu recherchieren. Zum Glück haben wir solche Medien in unserem Land, die dann aufdeckten: Der Kindesmörder bekommt keinen Cent von seiner Entschädigung. Die 3000 Euro machen nur einen Bruchteil von dem aus, was Gäfgen der Justizkasse noch an Schulden aus dem Mordprozess zurückzahlen muss. Das Geld bleibt also beim Staat.
Abzuwarten, bis diese nicht unwichtige Kleinigkeit ebefalls bekannt war und sie im Empörungsschrei zu erwähnen, das wäre zu kompliziert gewesen, hätte die Rezipienten überfordert oder sei nicht das, was sie hören wollten - das würden Springer, Steinbach und Co. wohl sagen. Und leider handelt es sich hierbei um eine selbsterfüllende Prophezeihung.

Montag, 1. August 2011

Die gute Reise gibt es nicht

Das Probeabo bei der FR gibt mir neben, vielen Ärgereie n bei der Rechtschreibung (so hätte es wohl in der FR gestanden) manchmal auch das Gefühl: Die Idee ist gut, aber da wird zu kurz - beziehungsweise zu schwarz-weiß - gedacht.
Bestes Beispiel ist dieser Artikel über Freiwilligendienste im Ausland. Denn so einfach wie hier beschrieben ist es leider nicht: Sicherlich sind viele Frewilligendienst mit Travelworks und den anderen oft heuchlerisch. Ich habe die Mädchen selbst erlebt, die für vier Wochen nach Thailand kamen, zwei Woche die Umgebung erkundet und zwei Wochen lang mit den Kindern in der Schule gespielt und Milliarden von Fotos gemacht haben, während wir anderen Englisch unterrichtet, alte Farbe von den Wänden gekratzt oder Zement gemischt haben. Ich habe selbst erlebt, wie sich solche Freiwilligen das gute Gewissen mit dem Geld ihrer Eltern erkaufen, um anschließend noch für einen "richtigen" Urlaub am Strand aus dem trockenen Norden ins sonnige Phuket zu fahren. Dass niemand von ihnen, niemand von uns Freiwilligen in Sing Buri die Welt retten konnte, das ist klar.
Nur leider geht die Milchmädchenrechnung der Frankfurter Rundschau nicht auf, dass bei den Freiwilligen, die ein Jahr lang weggehen und vorher selbst Spenden für ihren Aufenthalt sammeln, alles anders sei. Auch sie können die Welt nicht retten, und wenn sie sich das vormachen, sind sie genau so heuchlerisch wie die Phuket-Mädels.
Natürlich ist es gut, wenn die Bewerber sich selbst um Projekte bemühen und mit ihren Motivationen auseinandersetzen müssen. Natürlich sollte jeder Freiwillige sich vor der Abreise fragen: Warum mache ich das? Was erhoffe ich mir? Und so weiter. Selbstverständlich sollten die Entsendeorganisationen die Bewerber sorgfältig auswählen, um Enttäuschungen zu vermeiden. Viel wichtiger aber sind Vorbereitungs- und Nachbereitungsseminare, wie sie von der Organisation ijgd angeboten werden. Denn nur hier lernt man, wirklich zu reflektieren: Was kann ich in der Ferne bewegen?
Dass Freiwillige, die 12 Monate in Südamerika bleiben und fließend Spanisch sprechen eine geringere Belastung für die Hilfsorganisation vor Ort sind als die Urlauber mit dem guten Gewissen, würde ich nie bezweifeln. Aber sie sind keine große Hilfe. Auch sie müssen sich eingewöhnen, den Kulturschock verarbeiten, ihr Heimweh und ihre Berührungsängste überwinden. Ich kenne viele, die sich voller Elan in die tollsten Projekte gehängt haben - die aber schon bald frustriert aufgegeben haben, weil sie merkten: Die Leute wollen ihre Hilfe gar nicht. Die Eltern wollen keine Musicals und keine Übernachtungspartys für ihre Kinder. Und die Kinder werden als Strafe lieber geschlagen als beispielsweise auf dem Schulhof Müll einzusammeln. An die Schläge sind sie gewöhnt - das Müllsammeln ist eine viel größere Erniedrigung.
Deshalb ist jede Art von Freiwilligendienst, selbst wenn er 2 Jahre dauert, immer mehr ein Lernprozess für die Freiwilligen als eine Hilfe für die Einheimischen. Mit Bargeld oder Sachspenden kann ein Freiwilliger vielleicht sogar etwas bewegen. Aber die Idee, mit eigener Hände Arbeit die Welt zu retten, ist einfach illusorisch. Weltwärts hin oder her.