Sonntag, 29. Dezember 2013

Ess-gestört



Du bist, was du isst – für uns, eine Generation, die aufwächst mit Bionade, Vegi-Döner und Co., gilt dieser Satz mehr denn je. Und ich bin an vorderster Front mit dabei, wenn es darum geht, möglichst tier- und umweltfreundlich zu essen, anderen zu erklären, warum ich das mache und weshalb es sinnvoll ist. Ich liebe es, gut zu essen und über gutes Essen zu reden.

Leider ist das Über-Essen-Reden aber inzwischen mindestens so populär wie Bionade und Vegi-Döner – und nimmt groteske Züge an. Gerade in der Weihnachtszeit wird es unter Mädchen Anfang 20 zum beherrschenden Thema jeder längeren Konversation. Und zwar nicht im konstruktiven Sinne („Was esst ihr denn zu Weihnachten?“, „Was kochen wir heute Abend?“), sondern als Ausdruck einer latenten Essstörung.
Ja, wir sind alle gestört. Gestört, wenn wir uns wieder und wieder zum als „Mädchenabend“ deklarierten Beisammensein treffen, bei dem scheinbar zwangsläufig Folgendes auf dem Menüplan steht: Schokolade, Kekse, Chips und Glühwein. Bestenfalls noch selbstgebackenen Kuchen oder Kräuterbaguette zum Aufbacken von Aldi. Gestört, wenn sich dann über kurz oder lang alles nur noch um das eine Thema dreht: Wann essen wir was, wie viel davon, wann machen wir Sport, essen wir davor oder danach, welche Diäten haben wir schon ausprobiert und worauf können wir dann doch nicht verzichten. Und dabei bechern wir Glühwein und knabbern Kekse, von denen wir doch eigentlich wissen, dass schon einer davon unser Tagespensum an Weight-Watchers-Punkten sprengt, und fühlen uns immer schlechter und schlechter.
Wir treffen uns also nicht mehr, um über Probleme zu reden, sondern um uns welche zu machen. Vielleicht, weil wir sonst keine mehr haben, mit festen Freunden und einigermaßen festgefahrener beruflichen Perspektive. Aber muss das sein?

Vor einigen Jahren, bevor wir unser Abi machten, von zu Hause auszogen und das werden sollten, was man „erwachsen“ nennt, bevor die Modebranche in enger Zusammenarbeit mit Photoshop unser Selbstbild verzerrte, haben gab es sie auch schon, diese Mädchenabende. Damals haben wir vielleicht weniger Wein getrunken, dafür aber mehr Kekse und noch mehr Schokolade gegessen. Wir haben alle nicht viel mehr Sport gemacht als die 90 Minuten, zu denen wir jede Woche in der Schule verdonnert waren. Aber wir haben nicht darüber nachgedacht, haben nicht darüber geredet – und es war kein Problem. Davon hatten wir genug andere („Wie spreche ich ihn nur an?“, „Woher weiß ich denn, ob er auf mich steht?“), und über die haben wir ausführlich gesprochen. 

Heute sind wir darüber hinweg. Wir hätten Zeit, an unseren Mädelsabenden über das zu reden, was uns wirklich bewegt: Wer bin ich? Und wie will ich sein? In was für einer Gesellschaft leben wir? Was stört uns, und was könnten wir ändern? Aber dafür ist kein Platz. Denn wir verfransen uns immer wieder  in den immer gleichen Diskussionen, in denen wir verzweifelt unser schlechtes Gewissen zu beruhigen („Ich kann einfach viel besser joggen, wenn ich vorher einen Kakao getrunken habe“, „Ich kann einfach morgens nicht ohne mein Nutellabrot“ oder: „Abends mache ich mir dann aber immer nur noch einen Salat“), unsinnige Vergleiche anstellen („Mein Freund, der isst ja sooo viel“) oder Nichtanwesende kritisch analysieren („DIE macht gar keinen Sport und hat ne super Figur, wie macht DIE das nur?“). 

So füllen sich ganze Stunden, in denen wir über nichts Sinnvolles reden und nichts Wichtiges voneinander erfahren – abgesehen davon, dass die anderen genau so gestört sind wie wir, wenn es ums Essen geht. Denn wer sich bisher noch keine Gedanken über sich und seinen Körper im Vergleich zu allen anderen, inklusive der gephotoshopten Models auf den Plakaten, gemacht hat, fängt spätestens jetzt damit an. 

Wir katapultieren uns in eine Abwärtsspirale und ziehen uns dann alle gegenseitig immer weiter runter. Wir, junge, intelligente, attraktive Frauen, denen die Welt zu Füßen liegt, machen uns selbst und gegenseitig nach Kräften fertig. Aber ich mache da nicht mehr mit. Ich will meinen Atem, meine Zeit und meine Aufmerksamkeit nicht mehr damit verschwenden. Ich will mit meinen Mädels über uns reden, über das Leben. Über das, was wirklich wichtig ist. Gutes Essen ist mir wichtig. Sport ist mir auch wichtig. Aber ich will darüber nicht mehr reden. Schon gar nicht, während ich nach 18 Uhr Billigkekse esse. Denn auch das ist mir wichtig. Und ich will daran nicht kaputtgehen.

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