Du bist, was du isst – für uns, eine Generation, die
aufwächst mit Bionade, Vegi-Döner und Co., gilt dieser Satz mehr denn je. Und
ich bin an vorderster Front mit dabei, wenn es darum geht, möglichst tier- und
umweltfreundlich zu essen, anderen zu erklären, warum ich das mache und weshalb
es sinnvoll ist. Ich liebe es, gut zu essen und über gutes Essen zu reden.
Leider ist das Über-Essen-Reden aber inzwischen mindestens
so populär wie Bionade und Vegi-Döner – und nimmt groteske Züge an. Gerade in
der Weihnachtszeit wird es unter Mädchen Anfang 20 zum beherrschenden Thema
jeder längeren Konversation. Und zwar nicht im konstruktiven Sinne („Was esst
ihr denn zu Weihnachten?“, „Was kochen wir heute Abend?“), sondern als Ausdruck
einer latenten Essstörung.
Ja, wir sind alle gestört. Gestört, wenn wir uns wieder und
wieder zum als „Mädchenabend“ deklarierten Beisammensein treffen, bei dem
scheinbar zwangsläufig Folgendes auf dem Menüplan steht: Schokolade, Kekse,
Chips und Glühwein. Bestenfalls noch selbstgebackenen Kuchen oder
Kräuterbaguette zum Aufbacken von Aldi. Gestört, wenn sich dann über kurz oder
lang alles nur noch um das eine Thema dreht: Wann essen wir was, wie viel
davon, wann machen wir Sport, essen wir davor oder danach, welche Diäten haben wir
schon ausprobiert und worauf können wir dann doch nicht verzichten. Und dabei
bechern wir Glühwein und knabbern Kekse, von denen wir doch eigentlich wissen,
dass schon einer davon unser Tagespensum an Weight-Watchers-Punkten sprengt, und
fühlen uns immer schlechter und schlechter.
Wir treffen uns also nicht mehr, um über Probleme zu reden,
sondern um uns welche zu machen. Vielleicht, weil wir sonst keine mehr haben,
mit festen Freunden und einigermaßen festgefahrener beruflichen Perspektive.
Aber muss das sein?
Vor einigen Jahren, bevor wir unser Abi machten, von zu
Hause auszogen und das werden sollten, was man „erwachsen“ nennt, bevor die
Modebranche in enger Zusammenarbeit mit Photoshop unser Selbstbild verzerrte,
haben gab es sie auch schon, diese Mädchenabende. Damals haben wir vielleicht
weniger Wein getrunken, dafür aber mehr Kekse und noch mehr Schokolade
gegessen. Wir haben alle nicht viel mehr Sport gemacht als die 90 Minuten, zu
denen wir jede Woche in der Schule verdonnert waren. Aber wir haben nicht
darüber nachgedacht, haben nicht darüber geredet – und es war kein Problem.
Davon hatten wir genug andere („Wie spreche ich ihn nur an?“, „Woher weiß ich
denn, ob er auf mich steht?“), und über die haben wir ausführlich gesprochen.
Heute sind wir darüber hinweg. Wir hätten Zeit, an unseren
Mädelsabenden über das zu reden, was uns wirklich bewegt: Wer bin ich? Und wie
will ich sein? In was für einer Gesellschaft leben wir? Was stört uns, und was
könnten wir ändern? Aber dafür ist kein Platz. Denn wir verfransen uns immer
wieder in den immer gleichen
Diskussionen, in denen wir verzweifelt unser schlechtes Gewissen zu beruhigen
(„Ich kann einfach viel besser joggen, wenn ich vorher einen Kakao getrunken
habe“, „Ich kann einfach morgens nicht ohne mein Nutellabrot“ oder: „Abends
mache ich mir dann aber immer nur noch einen Salat“), unsinnige Vergleiche
anstellen („Mein Freund, der isst ja sooo viel“) oder Nichtanwesende kritisch
analysieren („DIE macht gar keinen Sport und hat ne super Figur, wie macht DIE
das nur?“).
So füllen sich ganze Stunden, in denen wir über nichts
Sinnvolles reden und nichts Wichtiges voneinander erfahren – abgesehen davon,
dass die anderen genau so gestört sind wie wir, wenn es ums Essen geht. Denn
wer sich bisher noch keine Gedanken über sich und seinen Körper im Vergleich
zu allen anderen, inklusive der gephotoshopten Models auf den Plakaten, gemacht
hat, fängt spätestens jetzt damit an.
Wir katapultieren uns in eine Abwärtsspirale und ziehen uns
dann alle gegenseitig immer weiter runter. Wir, junge, intelligente, attraktive
Frauen, denen die Welt zu Füßen liegt, machen uns selbst und gegenseitig nach
Kräften fertig. Aber ich mache da nicht mehr mit. Ich will meinen Atem, meine
Zeit und meine Aufmerksamkeit nicht mehr damit verschwenden. Ich will mit
meinen Mädels über uns reden, über das Leben. Über das, was wirklich wichtig
ist. Gutes Essen ist mir wichtig. Sport ist mir auch wichtig. Aber ich will
darüber nicht mehr reden. Schon gar nicht, während ich nach 18 Uhr Billigkekse
esse. Denn auch das ist mir wichtig. Und ich will daran nicht kaputtgehen.
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