Donnerstag, 10. April 2014

Was ich nicht verstehen will

"Was ich nicht verstanden habe" - so begann eine Zeit lang immer die Gesellschaftskritik von Carolin Emcke: Ein angenehm distanzierter Einstieg, mit dem ich es auch einmal versuchen will.

Was ich nicht verstehe, ist, warum die Ukrainerinnen, die wir zu unserem Journalisten-Kongress in Köln eingeladen haben, nicht einfach so einreisen dürfen. Für fünf Tage wollen sie nach Deutschland kommen. Aber dafür brauchen sie ein Visum. Und dafür brauchen sie "einen guten Deutschen", der für sie bürgt. Was das ist, ein guter Deutscher? Der deutschen Botschaft zufolge jemand, der monatlich mehr als 1600 Euro verdient oder 1600 Euro auf dem Konto hat, die von der Botschaft "eingefroren" werden können. Das Geld gibt es zurück, natürlich: Sobald unsere Ukrainerinnen sich nach dem Kongress in der Botschaft in Kiew zurückgemeldet haben: Entwarnung, wir sind tatsachlich zurückgekommen, wir haben uns nicht nach Deutschland eingeschlichen!

Denn das muss es doch sein, was dahintersteckt: Die Angst, dass die jungen Ukrainerinnen sich zu sehr mit den europäischen Werten anfreunden: Demokratie, Reisefreiheit, Bürgerrechte. Dass ihnen plötzlich so viel an diesen Werten liegen könnte, dass sie alles aufgeben: Ihre Familie, Freunde, ihre Heimat. Dass sie sich, nur für diese Werte, illegal in ein fremdes Land einschleichen, dessen Sprache sie nicht sprechen, in dem sie kaum jemanden kennen und wo sie als Journalisten keine Arbeit finden werden. Und für die Sozialleistungen unseres Wohlfahrtsstaates natürlich! Denn Papierlose und Asylbewerber werden bei uns mit Geld und Wohltaten überschüttet, das weiß ja jeder.

Was ich aber nicht verstehe: Warum fördert die Bundesregierung im Rahmen der EU dann die Demokratiebewegung in der Ukraine? Warum spricht sie den Demonstranten auf dem Maidan Mut zu, nimmt sogar in Kauf, dass sich faschistische Kräfte in den Reihen der Opposition stark machen, unterstützt die neue Regierung in Kiew finanziell? Angeblich doch, damit sich "das Gute" durchsetzt: die Orientierung nach Westen, Richtung EU.

Offensichtlich will man aber selbst die Speerspitze der demokratischen Hoffnung in der Ukraine, die Nachwuchsjournalisten, nicht in Deutschland haben. Jedenfalls höchstens ganz kurz und nur, wenn uns da garantiert keine Kosten entstehen. Wenn das so ist - warum sagt man der ukrainischen Bevölkerung nicht gleich die Wahrheit: Wir wollen euch nicht. Reist doch nach Russland, da braucht ihr kein Visum. Das mit der Demokratie, wisst ihr, das funktioniert auch nicht immer einwandfrei. Und Bürgerrechte haben wir, klar - aber ihr seid leider keine Bürger.

Vielleicht stimmt es auch nicht, dass ich das nicht verstehe. Vielleicht will ich es einfach nicht verstehen. Weil ich mich nicht damit abfinden will.

Eigentlich wollten die Ukrainerinnen uns in Köln berichten, wie sie die Stimmung in ihrem Land wahrnehmen, wie in den Newsrooms und Redaktionen, in denen sie arbeiten, damit umgegangen wird. "The Future of Journalism in Europe" ist das Thema des Kongresses. Wenn Europa sich aber, sobald die Lage ist bisschen komplizierter wird, abschottet hinter seiner Schengen-Grenze - welche Zukunft hat dann der europäische Journalismus?