Donnerstag, 3. November 2011

Angst vor dem Volk

Hat noch ein einziger Beweis gefehlt für die Demokratiefeindlichkeit der gesamten Institution Europäische Union, so haben ihn die Staats-, Regierungs- und Eurogruppenchefs, Rats- und Kommissionspräsidenten spätestens mit ihrer panischen Reaktion auf Papandreous Ankündigung eines Volksentscheids in Griechenland erbracht. Die Politikstrategen sind fassungslos, dass der von ihnen so genial ausgetüftelte Plan nun tatsächlich den störrisch-streikenden Pleitegriechen vorgelegt werden soll. Es war doch alles so schön in Hinterzimmern ausgekungelt worden. Wozu da noch ein Referendum?
Die logische Konsequenz aus diesem Entsetzen ist schon vollzogen: Geld bekommen die demokratieverrückten Hellenen erst mal nicht. So geht die EU mit ihrer Bevölkerung um: Wie ein gealterter Despot, der Angst vor der Kraft des eigenen Volks hat.
Leider übernehmen aber nicht nur die Euro-Politiker, denen es zusteht, diesen Standpunkt. Die Medien machen fröhlich mit. So war im "Echo des Tages" am Dienstagabend kaum zu unterscheiden zwischen der Moderation, dem Beitrag und dem Kommentar zum Thema: alle schlugen den gleichen vorwurfsvoll-entsetzten Ton an. Wie können diese verbohrten Griechen es wagen, unser großherziges Hilfspaket zu überdenken? Wo bleibt die Demut für diese großartige Rettung?
Nein, es sind nicht mehr nur die Boulevardmedien, die diese Meinung vertreten. Dabei sind es nicht und waren es nie die Griechen, die mit Steuergeldern gerettet werden sollten. Warum sind die Bankenkurse nach Abschluss der Verhandlungen über den Schludenschnitt kometenartig in die Höhe geschossen? Warum hyperventilieren "die Märkte", wenn sie das Wort Referendum nur hören? Weil ihr Plan, Griechenland auszusaugen, plötzlich in Gefahr ist. Die Beute hing schon im Netz, die Griechen haben sich in eine aussichtslose Lage manövriert. Jetzt steht der schöne Plan der Finanzspinnen kopf.
Eine bessere Alternative als der Schuldenschnitt, der Griechenland ein wenig Luft verschafft, genug, um zu Überleben, aber nicht genug, um das Land wieder aufzubauen, gibt es derzeit nicht. Nur: Was würde dieser Schuldenschnitt bedeuten? Die Wirtschaft liegt bereits am Boden, weil es an Investitionen fehlt und die Menschen kein Geld haben, das sie ausgeben können. Genau genommen haben sie gar kein Geld: Die Lehrer und Beamten nicht, die selbstständigen Handwerker nicht, die Rentner nicht und die arbeitslosen Schul- und Hochschulabgänger schon gar nicht. Während die Banken mit dem Schuldenschnitt immer noch Gewinne einfahren, kostet er die Griechen das letzte bisschen Lebensqualität. Und dank enormer Privatisierung und stetig neu wachsendem Schuldenberg besteht keine Aussicht auf Besserung. Jemals.
Angesichts dieser prekären Lage ist es doch das Mindeste, den Griechen eine Stimme zu verleihen. So, und nur so funktioniert Demokratie: Papandreou kann nur mit der Legitimation seines Volkes Verträge abschließen, gerade, wenn sie solch verheerende Auswirkungen für sein Volk haben. Diese Legitimation aber können ihm die Griechen bei der letzten Wahl gar nicht gegeben haben, weil eine Entscheidung, wie sie nun ansteht, schlicht nicht abzusehen war. In Griechenland kennt man sich noch aus mit Demokratie. In Brüssel, Paris und Berlin aber hört man offenbar lieber auf die Lobbyisten der Finanzbranche.

Freitag, 5. August 2011

Viel Lärm um nichts

Ein Aufschrei ging durch die Medien- und Facebooklandschaft, als das Urteil verkündet wurde: 3000 Euro Entschädigung für einen Kindesmörder! Die Empörung war riesig. "Eine Perversion des Rechtsstaats", kommentierte die Bild. Erica Steinbach meldete sich - paradoxerweise in ihrer Funktion als Menschenrechtsbeauftragte - beim anderen Springer-Blatt zu Wort und bezeichnete das Urteil als "Bedrohung für die demokratische Kultur". Ihr CDU-Kollege Siegfried Kauder dagegen schlug eine Gesetzesänderung vor, damit ein solches Schmerzensgeld in Zukunft den Opfern - also, den Opfern der Verbrecher,  nicht den Opfern der Folterandrohung - zugute komme. Reine Polemik? Vermutlich - aber eine, die sicherlich gut ankommt.
"Der hat kein Geld sondern was anderes verdient!", "Die Frage ist, ob er davor oder danach einen größeren Fchaden an der Waffel gehabt hat" und ähnliche Äußerungen waren auf Facebook zu lesen. Wie so oft sagen die Politiker und schreiben die Medien das, was die Leute - angeblich, vermutlich, vielleicht - hören wollen. 
Nur wer seinen Blutdruck kontrollieren konnte, hatte noch Zeit zu recherchieren. Zum Glück haben wir solche Medien in unserem Land, die dann aufdeckten: Der Kindesmörder bekommt keinen Cent von seiner Entschädigung. Die 3000 Euro machen nur einen Bruchteil von dem aus, was Gäfgen der Justizkasse noch an Schulden aus dem Mordprozess zurückzahlen muss. Das Geld bleibt also beim Staat.
Abzuwarten, bis diese nicht unwichtige Kleinigkeit ebefalls bekannt war und sie im Empörungsschrei zu erwähnen, das wäre zu kompliziert gewesen, hätte die Rezipienten überfordert oder sei nicht das, was sie hören wollten - das würden Springer, Steinbach und Co. wohl sagen. Und leider handelt es sich hierbei um eine selbsterfüllende Prophezeihung.

Montag, 1. August 2011

Die gute Reise gibt es nicht

Das Probeabo bei der FR gibt mir neben, vielen Ärgereie n bei der Rechtschreibung (so hätte es wohl in der FR gestanden) manchmal auch das Gefühl: Die Idee ist gut, aber da wird zu kurz - beziehungsweise zu schwarz-weiß - gedacht.
Bestes Beispiel ist dieser Artikel über Freiwilligendienste im Ausland. Denn so einfach wie hier beschrieben ist es leider nicht: Sicherlich sind viele Frewilligendienst mit Travelworks und den anderen oft heuchlerisch. Ich habe die Mädchen selbst erlebt, die für vier Wochen nach Thailand kamen, zwei Woche die Umgebung erkundet und zwei Wochen lang mit den Kindern in der Schule gespielt und Milliarden von Fotos gemacht haben, während wir anderen Englisch unterrichtet, alte Farbe von den Wänden gekratzt oder Zement gemischt haben. Ich habe selbst erlebt, wie sich solche Freiwilligen das gute Gewissen mit dem Geld ihrer Eltern erkaufen, um anschließend noch für einen "richtigen" Urlaub am Strand aus dem trockenen Norden ins sonnige Phuket zu fahren. Dass niemand von ihnen, niemand von uns Freiwilligen in Sing Buri die Welt retten konnte, das ist klar.
Nur leider geht die Milchmädchenrechnung der Frankfurter Rundschau nicht auf, dass bei den Freiwilligen, die ein Jahr lang weggehen und vorher selbst Spenden für ihren Aufenthalt sammeln, alles anders sei. Auch sie können die Welt nicht retten, und wenn sie sich das vormachen, sind sie genau so heuchlerisch wie die Phuket-Mädels.
Natürlich ist es gut, wenn die Bewerber sich selbst um Projekte bemühen und mit ihren Motivationen auseinandersetzen müssen. Natürlich sollte jeder Freiwillige sich vor der Abreise fragen: Warum mache ich das? Was erhoffe ich mir? Und so weiter. Selbstverständlich sollten die Entsendeorganisationen die Bewerber sorgfältig auswählen, um Enttäuschungen zu vermeiden. Viel wichtiger aber sind Vorbereitungs- und Nachbereitungsseminare, wie sie von der Organisation ijgd angeboten werden. Denn nur hier lernt man, wirklich zu reflektieren: Was kann ich in der Ferne bewegen?
Dass Freiwillige, die 12 Monate in Südamerika bleiben und fließend Spanisch sprechen eine geringere Belastung für die Hilfsorganisation vor Ort sind als die Urlauber mit dem guten Gewissen, würde ich nie bezweifeln. Aber sie sind keine große Hilfe. Auch sie müssen sich eingewöhnen, den Kulturschock verarbeiten, ihr Heimweh und ihre Berührungsängste überwinden. Ich kenne viele, die sich voller Elan in die tollsten Projekte gehängt haben - die aber schon bald frustriert aufgegeben haben, weil sie merkten: Die Leute wollen ihre Hilfe gar nicht. Die Eltern wollen keine Musicals und keine Übernachtungspartys für ihre Kinder. Und die Kinder werden als Strafe lieber geschlagen als beispielsweise auf dem Schulhof Müll einzusammeln. An die Schläge sind sie gewöhnt - das Müllsammeln ist eine viel größere Erniedrigung.
Deshalb ist jede Art von Freiwilligendienst, selbst wenn er 2 Jahre dauert, immer mehr ein Lernprozess für die Freiwilligen als eine Hilfe für die Einheimischen. Mit Bargeld oder Sachspenden kann ein Freiwilliger vielleicht sogar etwas bewegen. Aber die Idee, mit eigener Hände Arbeit die Welt zu retten, ist einfach illusorisch. Weltwärts hin oder her.

Montag, 13. Juni 2011

Nichts tun ist auch gut!

Verantwortlich bist Du nicht nur für das, was Du tust,
sonder auch für das, was Du nicht tust.
Der gute alte Laotse hat natürlich Recht.
Für gewöhnlich wird das Zitat aber verwendet, um für aktiven Wiederstand aufzurufen und um die Menschen zu mobilisieren, etwas zu tun. Etwas nicht zu tun wird dabei als bequem, angepasst oder faul verstanden. Dabei kann es sehr viel bewirken, Dinge einfach nicht zu tun. Etwas nicht zu tun ist auch nicht immer einfacher, als etwas zu tun. Oft würde es aber sogar schon reichen, etwas nicht ganz so oft zu tun: nicht so oft die T-Shirts für 4,99 bei H&M kaufen, nicht so oft mit dem Auto fahren, nicht so oft in den Urlaub fliegen, nicht so oft Fleisch essen, nicht so oft ProSieben gucken... Bestimmte Dinge nicht zu tun, könnte die Welt verändern. Aber selbst dafür sind wir zu bequem.

Freitag, 10. Juni 2011

EHEC, kurz für: einige Hypothesen, erhebliches Chaos

Die Gurken waren's doch nicht. Jedenfalls nicht die spanischen. Die aus Magdeburg vielleicht. Oder doch die Sprossen? Ja, also die Sprossen wahrscheinlich schon, alles andere darf jetzt wieder gegessen werden - es sei denn wir stellen morgen etwas anderes fest. So etwa liest sich die Zusammenfassung der letzten Tage zum Thema Ehec.
In der Wissenschaft und vor allem in der Politik herrschte Ratlosigkeit ob des "Killer Keims". Wie die Medien mit diesem Chaos umgingen, ist damit auch gleich gesagt. bildblog kam gar nicht mehr hinterher mit der Auflistung aller falscher, verdrehter oder schlicht panischer Schlagzeilen. Und die Minister Bahr und Aigner sowie Reinhard Burger vom RKI warnten fleißig vor dem Verzehr von spanischen oder norddeutschen Gurken, Tomaten und Salatköpfen. Zu unrecht, wie sie inzwischen selbst eingesehen haben.
Jetzt im Nachhinein zu sagen, die Warnungen vor Gurken hätten dazu beigetragen, dass die Menschen auch weniger Sprossen gegessen hätten und daher werniger erkrankt seien, ist töricht - selbst wenn sich herausstellt, dass es tatsächlich die Sprossen waren, die Ehec übertragen haben. Das Argument "vor dem einen warnen schütz auch vor dem anderen" ist schlichtweg nicht haltbar.
Noch absurder ist aber, dass jetzt, nach einem "erhärteten Verdacht" plötzlich die Warnung vor Gurken, Tomaten und Salat aufgehoben wurde - und nicht schon vorgestern, als die Sprossen zum ersten Mal unter Verdacht standen. Einen definitiven Beweise gibt es heute genausowenig wie vor einer Woche.
Wenn sogenannte "zuverlässige Quellen" Unfug von sich geben, können die Medien zwar rechtlich nicht dafür belangt werden, wenn sie diesen Quatsch 1 zu 1 berichten. Alleine die journalistische Sorgfaltspflicht sollte aber doch kritische Nachfragen fordern, eine Einordnunge der Äußerungen und den Gebrauch des Konuktivs!

Stellen wir uns vor, der Fall Ehec wäre ein Gerichtsprozess. Die Staatsanwaltschaft (das Robert-Koch-Institut) hat zusammen mit prominenten Nebenklägern aus Berlin, Hannover und Kiel Anklage erhoben gegen die Gurke, die Tomate und den Salat. Alle drei Angeklagten erscheinen zum ersten Gerichtstermin. Sie bestreiten die Tat, die Faktenlage ist noch ungewiss. Dann lautet das Gesetz für die Berichterstattung: es darf keine Vorverurteilung in den Medien stattfinden, beide Seiten müssen Gelegenheit zur Stellungnahme bekommen. Und wo war überhaupt der Anwalt des Gemüses? Stellt den Pflichtverteidiger nicht im Zweifelsfall der Staat?

Montag, 2. Mai 2011

Kein Kommentar mehr

Eigentlich wollte ich heute Abend etwas über den Tod Osama Bin Ladens schreiben. Aber ich habe einen Artikel gefunden, dem ich selbst nichts mehr hinzuzufügen habe:

http://www.neon.de/kat/sehen/politik/337032.html?utm_source=extern_facebook&utm_medium=facebookeintrag&utm_campaign=startseite

Sonntag, 1. Mai 2011

Es geht uns alle an

Die Bahn ist raus, ihre Tochterfirma macht wohl nicht mehr mit beim völkerrechtswidrigen Projekt, der Eisenbahnstrecke zwischen Tel-Aviv und Jerusalem, die mitten durch palästinensisches Land führen soll. An einem sonnigen Sonntagabend möchte sich da jeder gerne entspannt zurücklegen und denken: na bitte, dann haben wir ja nichts mehr mit der Sache zu tun.
Zurücklehnen ist aber gefährlich in Zeiten wie dieser. Zeiten, in denen sich die Fatah und die Hamas einander annähern, was einen Staat Palästina zumindest theoretisch möglich machen könnte. Zeiten, in denen die israelische Regierung auf diese Aussöhnung mit Sanktionen reagiert, die von so manchem Palästinenser als Kriegserklärung verstanden werden und somit Öl aufs Hassfeuer der Hamas gießen.
Zurücklehnen kann sich da niemand, der sich Frieden im Nahen Osten wünscht.
Dass viele Israelis eindeutig nicht zu der Gruppe derer gehören, die sich Frieden wünschen, lässt sich am besten daran sehen, wie sie die Geschichte darstellen. Doch nicht nur sie.
Radio AREF ist ein evangelischer Rundfunk, so stehte es auf der Homepage. Eigentlich wollen die ehrenamtlichen Mitarbeiter nur "Gottes Wort in ansprechender Form weitergeben" und "Interesse am Glauben an Jesus Christus wecken", heißt es. Dann ist es vielleicht Zufall, dass ihre historische Darstellung der Entstehung des Staates Israel ein wenig politisch ausfällt?

Aber ich schweife ab. Worauf ich hinaus wollte ist die Tatsache, dass nur mit einer Zweistaatenlösung die Chance auf Frieden bestehen kann. Dass Israel jedes Mal, wenn die Palästinenser einen Schritt in diese Richtung machen, alles daran setzten, den Fortschritt sofort wieder zunichte zu machen, zeigt für mich nur eins: Dass zumindest die isralische Regierung offenbar so viel Gefallen am Status quo findet, dass sie Angst vor jeglichen Veränderungen hat.
Nur: Veränderungen lassen sich nicht aufhalten. Nicht in den Nachbarländern Ägypten und Syrien und auch nicht im eigenen Land. Bleibt zu hoffen, dass es Veränderungen zum Guten sein werden. Und mit "gut" meine ich nur eines: Frieden!

Dienstag, 26. April 2011

Quälend lange

Tiertransporte sind kein schönes Nachrichtenthema. Die Bilder, die es - wenn überhaupt - dazu gibt, schaut sich niemand gerne an. Vielleicht liegt es auch daran, dass so wenig über die Initiative von einigen EU-Abgeordneten: sie wollen Tiertransporte auf acht Stunden beschränken.Mehr als 21000 Unterschriften sind auf der homepage 8hours.eu schon für die Petition zusammengekommen. Aber viel zu viele Fleischessen machen sich lieber gar keine Gedanken darüber, wo ihr Steak herkommt und welchen Weg es schon hinter sich hat.
Letzten Endes geht alles immer wieder auf die Frage zurück: Wie viel Geld ist uns unser Essen wert?
Denn der Kunde entscheidet sich im Supermarkt bei jedem Griff ins Kühlregal für oder gegen die Rechte von Tieren.
Bis vor vier Jahren haben alle europäischen Steuerzahler die Quälerei sogar unfreiwillig mitfinanziert: Ein Teil der Agrarsubventionen wurde dafür verwendet, denen, die Rinder, Schweine, Hühner und Pferde in Länder jenseits der EU-Grenzen karrten (wo sie weniger Geld für das Fleisch bekamen) zu entschädigen. Und laut dem Tierschutzbund hat sich die Situation nach 2007 trotz der fehlenden Subventionen nur wenig verbessert. Denn natürlich ist es im Nahen Osten billiger, die Tiere schlachten zu lassen, als im benachbarten Dorf.
Wer sich jetzt denkt: so ein Blödsinn, diese Tiertransporte sind ja nicht so schlimm, dem empfehle ich, sich einfach mal ein paar Videos anzugucken. Und wer mehr dagegen tun will, als eine von so vielen ungehört verhallenden Petitionen zu unterschreiben, dem kann ich nur empfehlen: Passt beim Einkaufen auf, wofür ihr Geld ausgebt. Es ist Quatsch, dass wir nur ein Mal pro Legislaturperiode wählen dürfen. Wir können jeden Tag wählen - wir müssen es uns nur bewusst machen!

Montag, 4. April 2011

Denkfehler

Der israelische Botschafter in Deutschland, Yoram Ben Zeev, will Frieden in Nahost. Und die Zweistaatenlösung. Verglichen mit so manchem seiner Landsleute könnte er damit schon als radikaler Pazifist bezeichnet werden. In seiner Außenansicht in der Süddeutschen Zeitung (Nr. 78, 4.4.2011) wird jedoch relativ deutlich, warum die vielen von ihm koordinierten Friedensverhandlungen mit den Palästinensern scheitern mussten.
Ben Zeev schreibt, Israel habe "kein Interesse" an einer Eskalation der gegenwärtigen Situation. Und weiter: "Doch wir wollen einen Frieden in Sicherheit. Deshalb führen wir einen entschlossenen Krieg gegen den Terror."

Der Denkfehler ist offensichtlich: Krieg und Gewalt sind das Gegenteil von Sicherheit und Frieden. Das weiß jedes Grundschulkind. Mit einem Krieg kann ein Staat die Mehrzahl seiner Gegner ausschalten und die restlichen von ihnen in den Untergrund treiben. Für eine kurze Zeit können die Gegner so aus dem Bewusstsein verdrängt und Gefühle wie Sieg und Sicherheit suggeriert werden. Gewalt aber erzeugt Gegengewalt. Deshalb bringt der "Krieg gegen den Terror" dem israelischen Volk keine Sicherheit, sondern er schürt Rachegelüste bei der Hammas und bringt ihr die Unterstützung der Zivilbevölkerung im Gaza-Streifen.
Wer Krieg gutheißt, dessen Moral unterscheidet sich nicht von der der Hammas. Und wer Menschenleben gegeneinander aufwiegt, der versteht nichts vom Frieden. Es macht kaum einen Unterschied, ob ein Staat nur Aufrüsten oder Aufrüsten und Verhandeln will. Sicherheit ist schwächer als Gewalt, sie kann sich nicht durchsetzen. Frieden ist instabiler als Krieg, er bricht sofort zusammen.

Ben Zeevs Friedensbemühungen in allen Ehren. Aber solange er davon überzeugt ist, seinem Land könne der Krieg gegen den Terror einen "Frieden in Sicherheit" bringen, könnte er sich die mühselige Diplomatie und die zähen Verhandlungen eigentlich sparen.

Samstag, 2. April 2011

Symptome einer Überflussgesellschaft

Die Aufgabe der Lebensmittelverkäufer in der westlichen Welt ist klar: satte Menschen hungrig machen, damit sie etwas kaufen. Das gilt aber offensichtlich nicht nur für's Essen. Eine exklusive Ladies Night mit Gratis-Sekt, Strech-Limousinen und eine Handleserin ist nötig, um heute noch Frauen zu Karstadt zu locken. Außgerechnet Frauen, die doch angeblich so gerne shoppen! 60% der Kundschaft sei weiblich, sagt Karstadt Dortmund. Diese 60% müssen offenbar bei Laune gehalten werden. Mit Rosen und Typveränderung und Pilates-Kursen freitagsabends im Einkaufszentrum.
Keine Frage, die Idee ist gut und das Konzept sicher aufgegangen.
Wie aber muss es um unsere Gesellschaft stehen, wenn solche "Special Events" nötig sind, um Frauen zum Einkaufen zu bewegen? Wirtschaftskrise, Gastarbeiter, sinkende Reallöhne - die wildesten Schreckensszenarien werden beschworen. Und natürlich gibt es Verlierer. Immer wieder. Aber es sind nicht nur die oberen 5% unserer Gesellschaft, die im Geld schwimmen. Fast alle von uns tun es. Wir wollen es nur nicht sehen. Es ist viel leichter, sich selbst zu bemitleiden und auf der Einkommensleiter nach oben zu schielen. Dabei verliert man - und frau - jedoch schnell den Blick fürs Ganze: Es geht uns gut. Es könnte uns so viel schlechter gehen. Wir haben alles, was wir brauchen. Und ganz viel, was wir nicht brauchen. Eine Ladies Night bei Karstadt zum Beispiel. Wir sollten uns also nicht beschweren.

Sonntag, 20. März 2011

Drecksarbeit

Umfragen im Auftrag der BILD sind mit Vorsicht zu genießen. Aber wenn diese hier stimmt, dann finden 62 Prozent der Befragten "militärische Gewalt gegen den libyschen Diktator" richtig. Und 65 Prozent finden "die Haltung der Bundesregierung richtig", bei dem Krieg nicht mitzumachen.
Eine komische Überschneidung entsteht da: Es gibt also außer Guido Westerwelle noch mehr Menschen in diesem Land (mindestens 17 Prozent), die beides wollen: einen Militärschlag gegen Libyen, ja - aber bitte ohne unsere deutschen Soldaten. Besonders konsequent ist das nicht.
Wer andere die Drecksarbeit machen lässt, der darf sich jedenfalls nicht beschweren, wenn das Ergebnis anders aussieht als erhofft. Das gilt übrigens auch für die arabische Liga!

Feuer frei!

Gestern Abend, 20.15 Uhr: Brennpunkt nach der Tagesschau. Mal wieder, wie fast jeden Tag, seit die Welt Kopf steht. Und dann das: "Die Franzosen haben gesagt, dass die etwa 20 Rafall-Maschinen, die hier über Lybien im Einsatz sind, erstens das Flugverbot durchsetzen sollen und zweitens die Zivilbevölkerung in Bengasi treffen." (ab Minute 7,10)
Die Zivilbevölkerung treffen? Natürlich nicht. Es war nur ein Versprecher, den sich der ARD-Korrespondent Michael Strempel da geleistet hat. Oder war es ein Freud'scher Versprecher? Einer, bei dem der eigentliche Gedanke, das, was nicht gesagt werden sollte, aus Versehen zu Tage tritt?
Natürlich sagen die Franzosen, sie wollten die Zivilbevölkerung schützen. Aber: Wer aus Flugzeugen angreift (egal ob mit Bomben oder mit Raketen oder mit sonstigen Waffen), der trifft auch die Zivilbevölkerung. Ob er will oder nicht. Herr Strempel hat das - aus Versehen - auch so gesagt. Es gibt keinen sauberen Krieg. Kein UN-Mandat und keine noch so guten Absichten (falls die vorhanden sind) können an dieser Tatsache etwas ändern.

Der Brennpunkt verschleiert das leider. Strempel spricht von einem "Feuerwehreinsatz" der  Franzosen. Was ist das für eine Feuerwehr, die das brennende Haus mit Feuer löschen will? Gleiches mit Gleichem zu bekämpfen bringt nichts, das hat schon Ghandi gewusst. Die Franzosen und ihre Verbündeten wissen es anscheinend nicht. Und der UN-Sicherheitsrat weiß es offensichtlich auch nicht. Aber ein ARD-Korrespondent sollte es wissen.
Die ARD-Moderatorin Ute Brucker sollte es auch wissen. Sie gibt dem Brennpunkt den Titel "Gaddafi unter Feuer". 48 Menschen sind bisher gestorben. Gaddafi ist kein Haar gekrümmt worden. Wie auch? In Tripolis haben Libyer als "menschliche Schutzschilde" Position vor seinem Wohnhaus bezogen. Sie werden ihn verteidigen. Von "Gaddafi unter Feuer" kann also keine Rede sein. Es sind seine Soldaten, seine Söldner und sein Volk - Männer, Frauen, Kinder, manche loyal, manche rebellisch -, auf die gefeuert wird. Nicht er. Jeder Freiheitskämpfer in Bengasi muss eher um sein Leben fürchten als der despotische Immer-noch-Herrscher. Gaddafi angreifen, das bedeutet: Feuer frei auf die Zivilbevölkerung!
Vielleicht blieb Michael Strempels Versprecher deshalb unverbessert.