Hat noch ein einziger Beweis gefehlt für die Demokratiefeindlichkeit der gesamten Institution Europäische Union, so haben ihn die Staats-, Regierungs- und Eurogruppenchefs, Rats- und Kommissionspräsidenten spätestens mit ihrer panischen Reaktion auf Papandreous Ankündigung eines Volksentscheids in Griechenland erbracht. Die Politikstrategen sind fassungslos, dass der von ihnen so genial ausgetüftelte Plan nun tatsächlich den störrisch-streikenden Pleitegriechen vorgelegt werden soll. Es war doch alles so schön in Hinterzimmern ausgekungelt worden. Wozu da noch ein Referendum?
Die logische Konsequenz aus diesem Entsetzen ist schon vollzogen: Geld bekommen die demokratieverrückten Hellenen erst mal nicht. So geht die EU mit ihrer Bevölkerung um: Wie ein gealterter Despot, der Angst vor der Kraft des eigenen Volks hat.
Leider übernehmen aber nicht nur die Euro-Politiker, denen es zusteht, diesen Standpunkt. Die Medien machen fröhlich mit. So war im "Echo des Tages" am Dienstagabend kaum zu unterscheiden zwischen der Moderation, dem Beitrag und dem Kommentar zum Thema: alle schlugen den gleichen vorwurfsvoll-entsetzten Ton an. Wie können diese verbohrten Griechen es wagen, unser großherziges Hilfspaket zu überdenken? Wo bleibt die Demut für diese großartige Rettung?
Nein, es sind nicht mehr nur die Boulevardmedien, die diese Meinung vertreten. Dabei sind es nicht und waren es nie die Griechen, die mit Steuergeldern gerettet werden sollten. Warum sind die Bankenkurse nach Abschluss der Verhandlungen über den Schludenschnitt kometenartig in die Höhe geschossen? Warum hyperventilieren "die Märkte", wenn sie das Wort Referendum nur hören? Weil ihr Plan, Griechenland auszusaugen, plötzlich in Gefahr ist. Die Beute hing schon im Netz, die Griechen haben sich in eine aussichtslose Lage manövriert. Jetzt steht der schöne Plan der Finanzspinnen kopf.
Eine bessere Alternative als der Schuldenschnitt, der Griechenland ein wenig Luft verschafft, genug, um zu Überleben, aber nicht genug, um das Land wieder aufzubauen, gibt es derzeit nicht. Nur: Was würde dieser Schuldenschnitt bedeuten? Die Wirtschaft liegt bereits am Boden, weil es an Investitionen fehlt und die Menschen kein Geld haben, das sie ausgeben können. Genau genommen haben sie gar kein Geld: Die Lehrer und Beamten nicht, die selbstständigen Handwerker nicht, die Rentner nicht und die arbeitslosen Schul- und Hochschulabgänger schon gar nicht. Während die Banken mit dem Schuldenschnitt immer noch Gewinne einfahren, kostet er die Griechen das letzte bisschen Lebensqualität. Und dank enormer Privatisierung und stetig neu wachsendem Schuldenberg besteht keine Aussicht auf Besserung. Jemals.
Angesichts dieser prekären Lage ist es doch das Mindeste, den Griechen eine Stimme zu verleihen. So, und nur so funktioniert Demokratie: Papandreou kann nur mit der Legitimation seines Volkes Verträge abschließen, gerade, wenn sie solch verheerende Auswirkungen für sein Volk haben. Diese Legitimation aber können ihm die Griechen bei der letzten Wahl gar nicht gegeben haben, weil eine Entscheidung, wie sie nun ansteht, schlicht nicht abzusehen war. In Griechenland kennt man sich noch aus mit Demokratie. In Brüssel, Paris und Berlin aber hört man offenbar lieber auf die Lobbyisten der Finanzbranche.
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